Häme über Bundeswehr – unangebracht?

Als regelmäßiger Leser des Blogs „Augen geradeaus!“ finde ich dort die Beiträge über die (zaghafte) Zunahme der Personalstärke der Bundeswehr etwas schräg. So hieß es zu den Zahlen für den Juni „… der Trend ist: Keine Veränderung“ und zuvor im Mai, dass die „Bundeswehr […] die Zahl ihrer Soldaten in diesem Jahr bislang nicht deutlich [habe] steigern können“. Dazu, weshalb ich hier mit dem von mir sehr geschätzten Autor d’accord gehe, hier ein paar Worte.

Beim Verständnis der Frage, weshalb es bei der Personalstärke überhaupt dazu kommt, dass man eine „Trendwende“ erreichen muss, hilft etwas Hintergrundwissen. Die Bundeswehr hat über Jahre einen radikalen Personalabbau betreiben müssen – nicht nur aus finanziellen Erwägungen, sondern aus aus völkerrechtlichen Gründen.

Während des kalten Krieges hatte die Bundeswehr nach Wikipedia als NATO-Mitglied eine Sollstärke von 495.000  Mann und noch etwa 500.000 Reservisten, so dass man – wenn der Russe kommt – etwa 1 Millionen Mann unter Waffen hätte aufbieten können. Wie wir alle wissen, ist es zum Glück anders gekommen und es kam zur Wiedervereinigung. Mit dem dann abgeschlossenen „Zwei-plus-Vier-Vertrag“ endete 1991 die Besetzung Deutschlands durch die Alliierte und das wiedervereinigte Deutschland wurde ein souveräner Staat, wobei es einige Bedingungen gab.

So musste nicht nur auf Gebietsansprüche gegen andere Staaten verzichtet werden, in Art. 3 Abs. 2 wurde auch auf die Verpflichtung Bezug genommen, „die Streitkräfte des vereinten Deutschlands innerhalb von drei bis vier Jahren auf eine Personalstärke von 375.000 Mann […] zu reduzieren“.

Nach einer Vorgabe (PSM 2010) wurde dann für das Jahr 2010 eine Personalstärke von 250.000 Mann und nach einer späteren Vorgabe (PSM 185) ab 2011 eine Personalstärke von 185.000 Mann angestrebt – und zwischendurch auch noch die Wehrpflicht abgeschafft. Binnen 20 Jahren musste die Bundeswehr ihre Personalstärke also von 490.000 aud 185.000 Mann mehr als halbieren und hat dies tatsächlich auch geschafft.

An dem obigen Diagramm kann man erkennen, wie die Personalstärke zunächst auf die 1. Stufe (250.000 Mann) und dann auf die 2. Stufe (185.000) – wie geplant – abgesenkt werden konnte.

Am 10.05.2016 wurde dann eine neue Zielmarke, diesmal nach oben, ausgegeben: Nach Wikipedia soll „im Rahmen der von Ursula von der Leyen angestoßenen sogenannten ‚Trendwende Personal‘ […] die Anzahl der Zeit- und Berufssoldaten zwischen 2016 und 2021 von 170.000 auf mindestens 177.000 angehoben werden, insgesamt sollen bis 2023 etwa 14.300 zusätzliche Dienstposten geschaffen werden“.

Wenn man bei dem Diagramm genau hinsieht, kann man ab 2015 den leichten „Knick“ nach oben bei der Sollstärke sehen. Hier der maßgebliche Ausschnitt etwas größer:

Ich weiß nicht, ob ich hier nicht penibel genug bin, aber wenn 2016 „Augen geradeaus!“ schreibt, dass Ende 2016 „mit 168.342“ die „im bisherigen Personalstrukturmodell vorgesehenen 170.000, die ja nach den Plänen von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen um zusätzliche Soldaten aufgestockt werden sollen, […] verfehlt“ wurden, finde ich das etwas kleinlich: Sicher, bei dem radikalen Personalabbau ist man bei den Berufssoldaten (BS)/Soldaten auf Zeit (SaZ) am Ziel etwas nach unten vorbeigeschossen, aber in Prozent hat mat mit 168.342 von 170.000 geplanten Soldaten das Soll zu 99,02 % erreicht. Bei Physikern würde das Defizit unter Messfehler laufen.

Was mich aber noch mehr stört, ist die Art und Weise, wie – siehe die eingangs erwähnten Beispiele – die jeweilige Entwicklung zum Vormonat kommentiert wird. Ich habe mal versucht, in die Zahlen etwas Ordnung zu bringen. Als Ausgangspunkt hier die jeweilige monatliche Personalstärke:

Wenn man die Entwicklung jeweils über ein Jahr betrachtet, wird die Struktur offensichtlicher:

Der jeweilige „Tiefpunkt“ der Personalstärke wird offenbar immer im Juni erreicht, wobei der „Höhepunkt“ der jeweiligen Entwicklung der Dezember ist und der Anstieg noch bis in den Februar das Folgejahres andauert, nach dem es dann wieder zu einem „Abfallen“ der Personalstärke mit dem schon erwähnten Tief im Juni kommt. Wissen darüber, ob dies an bestimmten Einstellungsterminen liegt, habe nicht – ist mir im Ergebnis auch egal: Ich finde jedoch, dass man die monatliche Entwicklung informativer kommentieren könnte.

So würde beispielsweise doch auch niemand auf die Idee kommen, die globale Erwärmung daran festzumachen, dass von Januar auf Februar, Februar auf März, März auf April und April auf Juni jeweils die durchschnittliche Monatstemperatur zunimmt – es wird Sommer! Sinn ergibt die ganze Geschichte, wenn man die Entwicklung mit dem Monat im vorherigen Jahr vergleicht. Bei „Augen geradeaus!“ macht man es dennoch und stellt im Mai fest, dass die „Bundeswehr […] die Zahl ihrer Soldaten in diesem Jahr bislang nicht deutlich [habe] steigern können“, obwohl diese Zahl bis Juni auch im Vorjahr abnahm.

Anstatt der Juni Kommentierung von „Augen geradeaus“ – „… der Trend ist: Keine Veränderung“ (zum Vormonat) – fände ich dies hilfreicher:

„Juni: 2.473 mehr Soldaten als im Vorjahresmonat“

Und wenn man die „saisonbedingte“ Abnahme drin haben möchte, wäre auch so etwas möglich:

„Junirückgang 2019 nur 1/4 so stark, wie im Vorjahr“

(2018 waren es von Mai auf Juni 303 Soldaten weniger, was einen Rückgang von 0,167% ausmacht. 2019 waren es 86 weniger, was einem Rückgang von 0,047% entspricht.)

Im Juli gab es gegenüber dem Juni übrigens wieder eine Zunahme der Personalstärke – aber auch das ist keine Überraschung, sondern war zu erwarten.

 

 

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